Neben Spaziergängen im Gleisdreieck- und Viktoriapark habe ich ein neues Hobby entdeckt: die Yorckstraße und den Mehringdamm mit dem Rad umfahren. Erst vor kurzem entdeckte ich die Hagelberger Straße als perfekte Umgehungsmöglichkeit. Biegt man in die breite Straße ein, in der die Autos zu beiden Reihen quer parken können, rückt der Lärm des Mehringdamms in die Ferne. Stattdessen: ein Garten mit Honigverkauf, eine Kita. Ist das jetzt Bullerbü?

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Oliver Mommsen bezeichnet diesen Kiez als „Bullerbü in der Großstadt. Die Leute passen auf sich auf.“ Das beschauliche kleine Dorf, in welchem die Figuren von Astrid Lindgren wandeln, soll in Kreuzberg zu spüren sein? Nun ja. Im Tiergehege des Viktoriaparks, in dem Mommsen jeden Winkel kennt, kräht zuweilen auch ein Hahn. Tagesspiegel-Redakteurin Anke Myrrhe traf den Schauspieler an der Monumentenbrücke zum Spaziergang. Am Brückenpfeiler spielt Mommsen zuweilen Urban Tennis und wartet darauf, dass sich mal jemand aus dem „roten Riegel“ (die rote Häuserfassade an der Ecke Lokdepot/ Monumentenstraße, die ohne die rote Farbe unglaublich hässlich wäre) über die Lautstärke des Tennisspielens beschwert. Dann würde er schreien: „Zieh aufs Land!“. So ganz idyllisch wie auf dem Land ist es im Kreuzberger Bullerbü wohl doch nicht.

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Für einen kurzen Moment scheint es so, als sei Kreuzberg ruhig und flächig. In der Möckernstraße muss sich jeder nicht zwei Meter große Mensch als Zwerg fühlen. Die Türen der Luxus-Altbauten sind von enormer Größe, von unten kann ich den aufwendigen Stuck erspähen: irgendwie märchenhaft, aber nicht gemütlich. Imposant trifft es eher.

Um die Ecke – wieder an einer lauten Straße – werden in einer Schwäbischen Bäckerei per Aushang Gewerberäume bis 150 m2 für die Backwarenproduktion gesucht: „Geben Sie die Infos doch bitte hier an unsere Verkäuferinnen weiter. Wir bedanken uns sehr für Ihre Hilfe.“

In der Monumentenstraße dann ein großartiges italienisches Café, dessen Kaffee ich leider noch nicht kosten konnte („Kaffeemaschine ist leider kaputt!“). Gegenüber gibt es „demnächst Sushi“, daneben wird ein Haus von innen ausgeschlachtet. „Die bauen hier alles um“, antwortet mir ein älteres Paar, als ich auf die Wohnung im höchsten Stock deute, wo gerade die Fenster ausgetauscht werden. „Oft lassen die Bauarbeiter alle Türen offen.“ Dann verschwinden die beiden im vom Betonstaub eingehüllten Haus.

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Den Veränderungen im Kiez blickt Mommsen positiv entgegen: „Die alteingesessenen Kräfte sind groß genug, damit das hier nicht zum Disneyworld verkommt.“, erzählt er Myrrhe. Jetzt stehe ich am Anfangspunkt des Spaziergangs von Mommsen und Myrrhe. Der Schauspieler, der im Bremer Tatort Kommissar Stedefreund spielt, wird sich nach den letzten drei neuen Folgen auf neue Projekte konzentrieren. „Ich muss draußen sein, auch beim Arbeiten.“ Vielleicht treffe ich ihn mal spontan im Kreuzberger Bullerbü.