Anstatt nach spektakulären Fluchtgeschichten zu fahnden, hat Julia Tieke für ihr begehbares Hörspiel „Achtung, Aufnahme!“ Ausschnitte von Zeitungsporträts verwendet. Die Radiomacherin setzte die Textteile neu zusammen und ließ sie in die Sprachen der Porträtierten übersetzen. Eine ganz andere Freiheit im Umgang mit dem omnipräsenten Thema Flucht entsteht. Aber wie schneidet man eine Tonaufnahme, deren Sprache man nicht versteht? Und wie realisiert man einen räumlichen Klangeindruck ohne zwölf Lautsprecher am Arbeitsplatz?

Facts: Ein etwa einstündiges Hörspiel in sieben Sprachen, mit 14 Sprecher*innen, abgemischt für zwölf Kanäle. Zusätzlich gibt es einen etwa fünfstündigen Audioguide. Das ist das Projekt „Tonspuren: Achtung, Aufnahme! Ein begehbares Hörspiel mit zu vielen Stimmen (und zu wenig Übersetzung)“, das hoffentlich bald wieder im Kuppelraum des silent green zu hören sein wird. Kurze Ausschnitte gibt es auf der HKW Website.

TonSpur: Für Projekte und Features hast du schon häufig mit dem Thema Flucht und Migration gearbeitet. War diesmal etwas anders?

Julia Tieke: Sehr viel sogar. Meist stoße ich selbst auf Themen und schaue dann, wen sie interessieren. Diesmal war es ein klarer Auftrag vom Haus der Kulturen der Welt, auch speziell für einen Raum, und nicht vorrangig für das Radio gedacht. Das Thema Flucht ist unglaublich präsent und manche Organisationen schreiben: „Bitte lasst uns in Ruhe mit Anfragen nach Geflüchteten für Eure Kunstprojekte.“ Die Frage war, was ich dem bereits Existierenden hinzuzufügen habe. Ich wollte keine persönlichen Geschichten abspielen, ohne dass die Besucher*innen das verstehen. Gleichzeitig hat es mich aber gereizt, mit mehreren Kanälen und Sprachen zu arbeiten.

 

Was war also dein Ausgangspunkt?

Meine Grundidee war: Es gibt doch schon so viele Erzählungen und Bilder in der aktuellen Berichterstattung. Die wollte ich gerne in Diskussion bringen und habe also Collagen gebaut, die dann in die jeweiligen Sprachen (Anm.: Albanisch, Arabisch, Dari, Polnisch, Tigrinya u. a.) der Porträtierten übersetzt wurden. Persönliche Erfahrungen der Sprecher*innen oder Übersetzer*innen habe ich dann in den Audioguide verlagert ohne jemanden ausdrücklich zu bitten, eine Fluchtgeschichte zu erzählen. Die Leute waren vorrangig professionell beteiligt: als Schauspieler*innen, als Übersetzer*innen und nicht als Geflüchtete, die ihre eigene Geschichte erzählen.

 Ich habe eine Skizze an die Wand gehängt und geschaut, von wo gerade welche Stimme kommt: Jetzt spricht jemand diesen Text auf Farsi, da oben wird etwas auf Deutsch eingeworfen, vielleicht wäre es gut, wenn aus der entgegengesetzten Richtung noch jemand ein Stück summt.

Wurde es für den Kuppelraum des silent green konzipiert?

Bis Ende letzten Jahres war das HKW ja wegen Umbauarbeiten geschlossen und bei unserem ersten Gespräch war auch von diesem Raum die Rede. Ich wusste, dass die Akustik dort sehr gut ist, aber auch schwierig.

 

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Im Titel heißt es „begehbares Hörspiel“. Sitzmöglichkeiten in der Mitte laden aber regelrecht dazu ein, sich hinzusetzen. Inwiefern wünschst du dir, dass die Besucher*innen den Raum begehen?

Der Begriff „begehbar“ kam mir relativ früh, denn durch das Umherwandern kann man das Hörspiel ganz verschieden hören. Die Schwierigkeit war, dass ich das erste Mal etwas nicht in Stereo sondern für zwölf Kanäle gemacht habe. Das ist technisch sehr kompliziert. An meinem Arbeitsplatz gibt es keine zwölf Lautsprecher, deshalb musste ich stark abstrahieren. Ich habe eine Skizze an die Wand gehängt und geschaut, von wo gerade welche Stimme kommt: Jetzt spricht jemand diesen Text auf Farsi, da oben wird etwas auf Deutsch eingeworfen, vielleicht wäre es gut, wenn aus der entgegengesetzten Richtung noch jemand ein Stück summt. Was die Sitzsäcke betrifft: Den Besucher*innen ist die Art der Rezeption freigestellt. Das Feedback war oft, dass es ihnen sehr gefallen hat, sich auch sitzend in das Hörspiel zu versenken.

 

Das Projekt hat sehr viele Ebenen. Wie ist die Struktur entstanden?

Einige Elemente waren von Anfang an klar. Zum Beispiel der Audioguide als dokumentarische Komponente. Das Hörstück dagegen ist künstlerisch freier und anders als im Radio, musste nicht alles zusätzlich auf Deutsch zu hören sein. Dann sollte es zehn Monologe in vielen Sprachen geben und es war klar, dass eine deutschsprachige Ebene mit dem Thema Aufnahme und Casting spielt. Für die Monologe habe ich mich vor allem mit den Zeitungsporträts beschäftigt. Die Auswahl der Länder hatte ich vorher anhand von Statistiken festgelegt. Es sind auch EU-Länder wie Polen oder Spanien dabei – jenseits von Asyl. Das wollte ich nicht trennen.

 

War das nicht eine große Masse an medienbezogenem Material?

Ja, diese Grundidee hat es gleichzeitig auch kompliziert gemacht. Natürlich war das viele Lesen irgendwann ermüdend. Aber durch die systematische Auswertung habe ich relativ zügig Stellen markiert, die ich interessant fand. So sind die Monologe für das Hörspiel entstanden. Letztendlich war es im Arbeitsprozess mit den Übersetzer*innen und Sprecher*innen sehr befreiend, dass es sich nicht um meine Texte handelt. Das machte Veränderungsprozesse einfacher, zum Beispiel hieß es: „Das kann ich nicht übersetzen, das sagt man nicht im Polnischen…“. Oder: „Keiner in Eritrea würde ‚Bürgerkrieg‘ sagen, sondern ‚Unabhängigkeitskrieg‘.“

 

Im Audioguide gibt es den Track: „Eine Aufnahme schneiden deren Sprache man nicht versteht“. Kannst du die Situation dazu schildern?

Den Track habe ich mit Fetewei aus Äthiopien aufgenommen, der aber auch Tigrinya spricht. Diese Sprache wird hauptsächlich in Eritrea gesprochen und weder verstehe ich etwas, noch kann ich die Schrift lesen. Als ich den tigrinischen Monolog geschnitten habe, hat Fetewei nochmal geprüft: Wird gerade etwas wiederholt oder handelt es sich um ein neues Wort?

 

Hast du dich dann hauptsächlich am Skript orientiert?

Da ich mich nicht in allen Sprachen zurechtfinde, habe ich eher mit den Audiospuren gearbeitet. Es gibt im Stück verschiedene Bausteine: beispielsweise die Monologe oder ein Lied in der jeweiligen Herkunftssprache. Diese Bausteine habe ich sortiert und jeden Absatz durchnummeriert. Jetzt Farsi 23: Was sagt die Person, wo kann ich schneiden? – beispielsweise. Ich wollte nicht mitten im Satz schneiden oder die verschiedenen Sprachen in ein komisches Verhältnis setzen. Aber meine Kontrolle hatte klare Grenzen. Auch in der Regie.

 

Inwiefern?

Klar steht das Projekt unter meiner Verantwortung, aber durch die Beteiligten wurde sehr viel vorgegeben. Ich arbeite gerne so, dass ich ein klares Konzept habe, aber offen für Dinge bin, die im Prozess entstehen. Kiflom, der kein professioneller Sprecher ist, hat in der Sprecherkabine an der Bürgerkrieg-Stelle auf Englisch gesagt: „Ich muss jetzt nochmal sagen: Man sagt nicht Bürgerkrieg.“ Da dachte ich: OK, wenn ihm das so wichtig ist, kann ich das nicht rausschneiden.

 

Als ich das Hörspiel besuchte, warst du auch da und hast aufgenommen. Wirst du diese Aufnahmen verwenden?

Echt? Ja, ich wollte gerne eine Dokumentation haben und das lässt sich eben nirgendwo so gut abbilden wie mit zwölf Lautsprechern. Aus dieser Aufnahme und einer vorherigen werde ich ein Gesamtstück mischen: einmal aus der mittleren Position und manchmal näher an einzelnen Stimmen. Etwa zehn Minuten davon werden dann für ein HKW-Archivprojekt online gestellt, zusammen mit dem Audioguide und einem Video des Raumes.

 

An welchem Projekt arbeitest du aktuell?

Ich fahre drei Wochen nach Pakistan und mache dort zwei Projekte. Das erste ist ein Ausstellungsprojekt, das eine Freundin und ich schon seit über zwei Jahren kuratieren: 15 künstlerische Arbeiten von Ton- und Klanginstallationen bis hin zu Kalligraphie. Das Projekt heißt „Digging Deep, Crossing Far“, die Ausstellung war zuletzt in Berlin zu sehen und davor schon mal in Indien und in Pakistan. Es geht um die sogenannten Halbmondlager südlich von Berlin, in denen Ethnologen Tonaufnahmen gemacht haben. Dieses Lautarchiv ist noch erstaunlich gut erhalten. Im Ersten Weltkrieg hielt man dort außereuropäische Kriegsgefangene fest – auch für Propagandazwecke. Für das Projekt arbeiten wir mit Künstler*innen aus jenen Ländern, aus denen die Kriegsgefangenen damals kamen. In der zweiten Hälfte der Reise mache ich Tonaufnahmen für ein neues Radio-Feature für Deutschlandradio Kultur.

 

Danke für das Interview an:

Julia Tieke studierte Kulturwissenschaften (Universität Hildesheim) und ist feste freie Mitarbeiterin bei Deutschlandradio Kultur und seit 2007 Projektleiterin der Wurfsendung. Sie erarbeitet Radiofeatures, Hörspiele und Kunstprojekte, beispielsweise „Syria FM. Begegnungen mit Radiomachern zwischen Berlin und Aleppo“ (DLR Kultur 2015). Auf der Recherchereise für das Feature traf sie Faiz in der Türkei, der vor dem IS aus Syrien floh. Ihre Chatkonversation mit Faiz wurde 2015 unter dem Titel „Mein Akku ist gleich alle“ bei Mikrotext publiziert.

Alle Fotos: © Laura Fiorio